Drei neue Projekte im Nachwuchsprogramm der Heidelberger Akademie der Wissenschaften gestartet

Steinstapel
8. Teilprogramm des WIN-Kollegs

Die Heidelberger Akademie der Wissenschaften, zugleich Landesakademie von Baden-Württemberg, fördert seit dem 1. Januar 2021 drei neue Forschungsprojekte mit dem Gesamtvolumen von rund 1,2 Millionen Euro im Rahmen ihres Kollegs für den wissenschaftlichen Nachwuchs (WIN-Kolleg). Forschungsgruppen setzen sich interdisziplinär unter diversen Gesichtspunkten mit dem Thema „Stabilität und Instabilität von Zuständen“ auseinander. Das Finden des Schlüssels zum Verständnis von Umbrüchen, Wendepunkten und Übergangsphasen steht dabei im Fokus. Die Förderdauer der Projekte beträgt drei Jahre.

Wandel, Wendepunkte und Umbrüche sind alltägliche Erscheinungen. Sie betreffen physikalische Abläufe ebenso wie große gesellschaftliche Strömungen. Zustände ändern sich ständig. Das Phänomen des Übergangs von einem stabilen in einen anderen stabilen Zustand ist in vielen Bereichen der Wissenschaft anzutreffen. Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler versuchen jetzt in drei neuen Projekten, die Gemeinsamkeiten bzw. Unterschiede dieser Phänomene mithilfe verschiedener wissenschaftlicher Herangehensweisen aufzudecken. Das Spektrum ist breit gefächert: Die Neurobiologin Dr. Simone Mayer von der Universität Tübingen und der Wirtschaftswissenschaftler Dr. Christian Mahringer von der Universität Stuttgart erforschen stabilisierende und destabilisierende Mechanismen von Veränderungsprozessen. In dem interdisziplinären Projekt bauen sie auf zwei verschiedenen Fallstudien aus den Lebenswissenschaften und der Betriebswirtschaftslehre auf. Die erste Studie erforscht den Entwicklungsprozess des menschlichen Gehirns unter Berücksichtigung externer destabilisierender Einflüsse, wie z.B. Medikamenten. Die zweite Studie erforscht den Veränderungsprozess von Arbeitsroutinen in der Softwareentwicklung. Durch die Verbindung der beiden Fallstudien werden interdisziplinär generalisierbare stabilisierende und destabilisierende Mechanismen von Veränderungsprozessen identifiziert. Diese Einsichten können für eine Vielzahl von Wissenschaftsdisziplinen sowie die Managementpraxis relevant sein. Der Psychologe Dr. Martin Fungisai Gerchen und die Psychologin Dr. Georgia Koppe, beide vom Zentralinstitut für seelische Gesundheit in Mannheim sowie die Freiburger Germanisten Dr. Mathis Lessau und Dr. Hans-Christian Riechers stellen sich in ihrem Projekt die Frage, ob sich Heterodoxien individuell stabilisierend in einer instabilen Welt auswirken. Heterodoxien, also Überzeugungen, die vom etablierten Wissen abweichen, begegnen uns in den unterschiedlichsten Kontexten. Dazu gehören neben Heterodoxien, die neue Denkanstöße geben und Teil des wissenschaftlichen Fortschritts sind, auch solche, die sich von der etablierten Wissenschaft dauerhaft loslösen, z.B. Verschwörungstheorien, Alternativmedizin oder Parawissenschaft. Heterodoxe Überzeugungen tragen mutmaßlich insbesondere in instabilen Zeiten, etwa in Krisen oder während persönlicher oder gesellschaftlicher Umbrüche, zur individuellen Stabilisierung bei. Gleichzeitig können sie sich jedoch auch destabilisierend auf die Gesellschaft auswirken. Ein besseres Verständnis der Mechanismen, die heterodoxen Überzeugungen zugrunde liegen, ist daher von fundamentalem Interesse. Die Medizinerin Dr. med. Franziska Bäßler von der Heidelberger Uniklinik und der Physiker Dr. Roland Willa vom Karlsruher Institut für Technologie untersuchen in ihrem Projekt, wie sich psychische Stabilität und gesundheitsbezogene Lebensqualität einzelner Personen über die Zeit verändert. Die interdisziplinäre Studie soll Veränderungen, die einen bis dahin stabilen Alltag aus dem Gleichgewicht, ja gar an den Rand der Instabilität bringen und deren Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit aufzeigen. Das Forschungsvorhaben verknüpft Expertisen aus den Gebieten Psychotherapie, Psychosomatik, Medizin und Physik. Die psychische Stabilität von Probanden wird mittels einer Zeitreihe erhoben und anhand von physikalischen Modellen in Echtzeit analysiert. In Anlehnung an das kritische Verhalten von physikalischen Systemen in der Nähe von Phasenübergängen, sollen aus den empirischen Daten Muster für das Auftreten eines Umbruchs gefunden werden. Durch die Echtzeitanalyse erhoffen sich die Forschenden entscheidende Vorteile für vorbeugende Gesundheitsmaßnahmen.
 

Weiterführende Links:

WIN-Kolleg

8. Teilprogramm

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